18.10.2017

„Das größte Risiko ist, sich nicht zu bewegen!“

Sport und Bewegung haben großen Einfluss auf unsere Lebensqualität. Wer in Bewegung ist, kann seinen Alltag leichter bewältigen, hat mehr Selbstvertrauen und fühlt sich einfach wohler. Warum das gerade auch für Darmkrebspatienten gilt und worauf sie achten sollten – wir haben mit PD Dr. Freerk Baumann gesprochen.

Welche Rolle spielen Sport und Bewegung für unser Wohlbefinden?
Hier sind im Grunde drei Faktoren ausschlaggebend. Zum einen steigt das psychische Wohlbefinden durch regelmäßige Bewegung. Dann hat Bewegung natürlich auch viele positive Effekte auf die körperliche Gesundheit, sowohl vorbeugend als auch bei einer Erkrankung. Als drittes kommt die psycho-soziale Komponente dazu. Dadurch, dass man aktiv ist, nimmt man am gesellschaftlichen Leben teil, hat einen Austausch mit anderen Menschen. Das muss nicht in der Sportgruppe sein, das kann auch beim Einkaufen passieren.

Was heißt regelmäßig in diesem Zusammenhang?
Bezogen auf das psychische Wohlbefinden ist das ganz unterschiedlich: Es gibt Leute, die müssen das zweimal pro Woche machen, andere jeden Tag und wieder andere müssen sich gar nicht bewegen, um sich gut zu fühlen. Wenn wir aber ganz allgemein von der sogenannten Gesunderhaltung ausgehen, dann gibt es hierzu ganz gute Daten. Wir rechnen mit 150 Minuten moderater körperlicher Aktivität in der Woche, das heißt, ein bisschen anstrengend sollte es schon sein. Das ist übrigens auch die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Damit kann man auch ein bisschen spielen. So haben zum Beispiel 75 Minuten anstrengendes Training die gleichen Effekte – oder eben der tägliche Spaziergang von 45 bis 60 Minuten.

Gibt es für die positive Wirkung von Bewegung wissenschaftliche Nachweise?
Ja. In vielen Studien wurden die positiven Effekte von Bewegung auf unser Alltagsgeschehen und auch unser Wohlgefühl nachgewiesen. Aber eigentlich reicht auch ein einfaches Beispiel, um das zu verdeutlichen. Wenn wir uns nicht regelmäßig bewegen können, weil wir zum Beispiel krank ans Bett gefesselt sind, dann spüren wir,
dass körperliche Aktivität ein Grundbedürfnis ist. Fehlt uns die Bewegung, merken wir schnell, wie unser Wohlbefinden darunter leidet.

Warum kann es gerade auch Darmkrebspatienten gut tun, regelmäßig Sport zu machen?
Zusätzlich zu den allgemeinen positiven Effekten von Bewegung, zeigen Studien ernstzunehmende Hinweise darauf, dass Patienten mit einer Darmkrebserkrankung das Risiko für ein Rezidiv, also das Wiederauftreten der Erkrankung um 40 – 50 Prozent senken können. Das ist zwar noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen, sollte aber dennoch ein Anreiz sein. Wissenschaftlich belegt hingegen ist der Bereich der Primärprävention: Regelmäßige Bewegung kann das Risiko, überhaupt an Dickdarmkrebs zu erkranken, um 25–30 Prozent minimieren. Und: Wenn wir uns regelmäßig bewegen würden, könnten wir 10 Prozent aller Darmkrebsfälle verhindern.

Auf welche Sportarten sollten Darmkrebspatienten vor allem setzen?
Hier unterscheiden wir zwei Phasen: Unter Therapie und in der Nachsorge. Nach Abschluss der medizinischen Therapie, wenn ich keine Nebenwirkungen mehr habe, kann ich machen, was mir gut tut. Hauptsache Bewegung! Das Risikoreichste, was Darmkrebspatienten machen können, ist körperliche Inaktivität – egal, ob während der Behandlung oder in der Nachsorge. Natürlich gibt es auch die eine oder andere Gegenanzeige, vor allem in der Zeit der medizinischen Therapie, also unter Operation, Chemo- oder Strahlentherapie. Patienten sollten sich deshalb an einen Physio oder Sporttherapeuten wenden, der sie zu einer speziellen Bewegungstherapie anleiten kann. Das kann in der Klinik, aber auch ambulant sein. Wenn das nicht möglich ist, sollte man selbst aktiv werden – mit Spaziergängen oder Alltagsaktivitäten, die man vorher auch gemacht hat, da bestehen keine Bedenken. Das geht von Treppensteigen über Einkaufen gehen bis hin zu Gartenarbeit. Wichtig ist, soweit wie möglich weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Welche spezifischen Ziele verfolgt die Bewegungstherapie?
Wir müssen von Anfang an verhindern, dass Patienten in eine Fatigue-Problematik kommen. Der Teufelskreis aus Müdigkeit, Erschöpfung, körperlicher Inaktivität usw. darf gar nicht erst entstehen. Patienten müssen also mit der Diagnosestellung in Bewegung kommen. Natürlich sind die Patienten erst einmal geschockt, haben Ängste, ziehen sich zurück – und machen nichts. Diesem Rückzug müssen wir entgegenwirken. Und hier ist der Arzt gefragt. Er muss aufklären, seinem Patienten Sicherheit geben und ihn zu Bewegung motivieren. Außerdem können Sport und Bewegung Ängste abbauen und das Selbstwertgefühl stärken. Die Patienten haben das positive Gefühl, dass sie trotz der Erkrankung oder der Therapie etwas schaffen und am Leben teilhaben und Dinge tun.

Was sollten speziell Patienten mit einem Stoma beachten?
Generell hindert ein Stoma nicht daran, in Bewegung zu bleiben. Patienten sollten es natürlich gut schützen, beispielsweise vor Bällen oder anderen Materialien und sich nicht drauflegen. Auch überreißende Bewegungen wie ein Aufschlag beim Volleyball oder ein Schmetterball beim Tennis sind weniger günstig. Aber sonst kann man ganz normal zum Bespiel Krafttraining machen, laufen oder schwimmen gehen.

„Sport ist Mord“ ist ja auch eine Lebenseinstellung. Wie kann man denn einen Sportmuffel motivieren, aktiver zu werden?
Hier tut Aufklärung Not. Da kommt wieder der Arzt ins Spiel. Er hat einen direkten Zugang zum Patienten und kann ihm klar machen, was man alles durch Bewegung erreichen kann, und vor allem, dass er sich bewegen DARF. Das muss mündlich erfolgen! Zusätzlich helfen aber auch spezielle Broschüren oder Apps. Und unter Therapie ist zudem der Physio- oder Sporttherapeut der richtige, der einen an die Hand nehmen kann. Aus dieser Fremdbestimmung sollte sich dann im Idealfall ein Eigenantrieb entwickeln. Das gilt natürlich für uns alle. Ebenso wie die Tatsache, dass man sich im Sinne der Nachhaltigkeit etwas sucht, was einem
Spaß macht. Ein notwendiges Übel machen wir halt nur eine gewisse Zeit lang.