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Interview zum Thema Epidemiologie mit Prof. Alexander Katalinic

Wie viele Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Darmkrebs? Wie haben sich diese Zahlen in den letzten Jahren verändert und welche Rolle spielen dabei gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse? Über diese und andere Fragen haben wir mit dem Epidemiologen Prof. Dr. Alexander Katalinic vom Institut für Krebsepidemiologie e. V. an der Universität Lübeck gesprochen.

Welche Aufgaben hat ein Epidemiologe?

Prof. Katalinic: Ein Epidemiologe misst die Verbreitung und den Schweregrad von Krankheiten in der Bevölkerung. Anhand dieser Zahlen kann man dann ermittelt, was diese Erkrankungen möglicherweise verursacht hat oder welche Risikofaktoren es gibt. Wir untersuchen zum Beispiel auch das Rückfallrisiko nach einer Krebserkrankung und, inwiefern sich verbesserte Behandlungsmethoden oder Früherkennungsmaßnahmen auf die Allgemeinbevölkerung auswirken. Die erhobenen Daten sind Teil der gesundheitspolitische Diskussion und haben so auch Einfluss auf die medizinische Versorgung aller Menschen in Deutschland.

Seit wann beobachten Epidemiologen die Krebsentwicklung in Deutschland?

Prof. Katalinic: Krebserkrankungen werden schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts registriert. In der ehemaligen DDR gab es zum Beispiel schon seit 1953 eine gute flächendeckende Krebserfassung. Von 1995 bis 1999 gab es dann die entscheidende Entwicklung: Ein neues Bundeskrebsregistergesetz verpflichtete alle Bundesländer dazu, Krebsregister zu führen. Dadurch existieren heute in allen deutschen Bundesländern epidemiologische Krebsregister. Seit 2011 gibt es in Berlin auch ein Zentrum für Krebsregisterdaten, das die Daten aller Landeskrebsregister sammelt und für Deutschland auswertet.

Was versteht man unter einem sogenannten Krebsregister?

Prof. Katalinic: Wir unterscheiden zwischen epidemiologischen und klinischen Krebsregistern. Die epidemiologischen Krebsregister arbeiten bevölkerungsbezogen: Sie erfassen alle Krebserkrankungen in einem Einzugsgebiet. In den meisten Bundesländern sind die Ärzte dazu verpflichtet, jeden neuen Tumorfall an das zuständige Krebsregister zu melden. Klinische Krebsregister hingegen sollen die Qualität der onkologischen Versorgung gewährleisten. Dazu werden alle klinischen Daten zur Behandlung und Nachbehandlung von Krebspatienten gespeichert. Der Datensatz ist also viel umfassender als in den epidemiologischen Krebsregistern. Klinische Krebsregister arbeiten zumeist nur krankenhausbezogen. Darüber hinaus gibt es in Deutschland aktuell noch kein flächendeckendes Netz von klinischen Krebsregistern. Grundsätzlich arbeiten die epidemiologischen und die klinischen Krebsregister jedoch eng zusammen.

Was passiert mit den registrierten Daten der Patienten? Ist das Erfassungsverfahren sicher?

Prof. Katalinic: Die Aufnahme der Patientendaten erfolgt datenschutzgerecht. Das bedeutet: Die epidemiologischen Krebsregister sind aufgeteilt in zwei Stellen, eine Vertrauensstelle und eine Registerstelle. Die Meldungen der Ärzte gehen an die Vertrauensstelle. Dort wird für jeden Patienten ein individueller Code erstellt, aus dem man den Namen nicht mehr zurückgewinnen kann. Unter diesem Pseudonym werden die Daten dann in der Registerstelle gespeichert. Die Namen von Patienten werden also an keiner Stelle öffentlich zugänglich.

Können Patienten und Interessierte die Zahlen und Ergebnisse einsehen, die aus den Krebsregistern entstehen?

Prof. Katalinic: Auf der Internetseite der GEKID (Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland www.gekid.de) gibt es den sogenannten GEKID-Atlas. Hier kann sich jeder informieren über die Krebshäufigkeit und -sterblichkeit in Deutschland allgemein, aber auch über die verschiedenen Krebsarten. Es ist also möglich sich darüber zu erkundigen, in welchen Gebieten Darmkrebserkrankungen besonders häufig oder selten sind. Die Statistiken werden im zeitlichen Verlauf angezeigt, sodass dort auch Trends abgelesen werden können. Eine weitere Möglichkeit, sich zu informieren, ist das Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert-Koch-Institut.

Wie hoch sind derzeit die Krebshäufigkeit und Sterberate bei Darmkrebs? Wie haben sich diese Zahlen in den letzten Jahren entwickelt?

Prof. Katalinic: Die aktuellsten Zahlen, die wir für die Darmkrebshäufigkeit (Inzidenz) vorliegen haben, sind von 2009. Die Neuerkrankungen bei Männern lagen bei etwa 35.200 Fällen und für Frauen bei 29.300 Fällen. Für die Darmkrebssterblichkeit gibt es bereits die Zahlen für das Jahr 2010: 12.500 Frauen und 13.500 Männer sind in Deutschland an Darmkrebs gestorben. Die Darmkrebssterblichkeit und -häufigkeit sind jedoch in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sowohl bei Männern als auch bei Frauen zurückgegangen. Derzeit wird der genaue Zusammenhang dieser Ergebnisse mit der Darmkrebs-Früherkennung in Deutschland erforscht. Vor allem die Darmspiegelung ist ein bedeutender Faktor, weil bei dieser Untersuchung Vorstufen von Darmkrebs, die Polypen, direkt abgetragen werden können.

Welche weiteren Faktoren haben Einfluss auf die Darmkrebserkrankungsrate?

Prof. Katalinic: Bei fast allen Krebsarten, können wir sagen, steigt mit einem erhöhten Lebensalter das Risiko, zu erkranken. Beim genetischen Darmkrebs spielt zum Beispiel auch die Familienanamnese eine Rolle: Sind bereits ein oder mehrere Familienmitglieder erkrankt, besonders in jungen Jahren, besteht auch für die restliche Familie ein hohes Darmkrebsrisiko. Früherkennungsmaßnahmen wahrzunehmen ist dann umso wichtiger. Relevante Risikofaktoren, die wir selbst beeinflussen können, sind Ernährung, Bewegung und Rauchverhalten. Das Rauchen verursacht zum Beispiel 80 Prozent der Lungenkrebsfälle. Aber auch 30 Prozent der anderen Tumorerkrankungen sind darauf zurückzuführen. Durch gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung könnten circa 20 bis 30 Prozent der Darmkrebsfälle vermieden werden. Dass die Zahl der Darmkrebserkrankungen aktuell zurückgeht, liegt jedoch nicht daran, dass sich die Menschen gut ernähren und viel bewegen. Die Trends gehen hier in Deutschland sogar eher in die andere Richtung, was ebenfalls dafür spricht, dass die Darmkrebs-Früherkennung hier der entscheidende Faktor ist.

Inwiefern beeinflussen gesellschaftliche oder kulturelle Veränderungen das Entstehen von Krebserkrankungen?

Prof. Katalinic: Solche Zusammenhänge kann man sehr gut aus Krebsregisterdaten ablesen. Ein Beispiel ist die Veränderung des Rauchverhaltens. 

Frauen rauchen in der heutigen Zeit mehr als früher. Dadurch sind die Lungenkrebserkrankungen bei Frauen deutlich angestiegen. Bei Männern geht die Lungenkrebssterblichkeit und -häufigkeit eher zurück, weil Männer heute immer weniger rauchen. Zugrunde liegen natürlich kulturelle oder gesellschaftliche Entwicklungen, wie zum Beispiel das veränderte Rollenverständnis der beiden Geschlechter. Auch zwischen sozialer Schicht und Krebshäufigkeit gibt es klare Verbindungen: So sind die Risikofaktoren Übergewicht und Rauchverhalten häufig auch eng verknüpft mit einer gewissen sozialen Herkunft, da die Einstellung zur Gesundheit dann meist unterschiedlich ist.

Wie werden sich die Darmkrebshäufigkeit und die Sterberate in Zukunft entwickeln? Was ist Ihre Prognose?

Prof. Katalinic: Wie bereits erwähnt, sind die Erkrankungsraten und die Sterblichkeit bei Darmkrebs in den vergangenen Jahren zurückgegangen.
Wir vermuten, dass sich diese Tendenz auch in Zukunft fortsetzen wird. Verantwortlich dafür sind eine Mischung aus optimierten Therapiemöglichkeiten und Früherkennung sowie natürlich die Vermeidung von bekannten Risikofaktoren.

Diagnose Darmkrebs

Diagnose Darmkrebs

Um Darmkrebs zu diagnostizieren, verlassen sich Ärzte nicht allein auf bildgebende Verfahren, sondern machen zusätzlich eine Darmspiegelung. Sie gilt als zuverlässigste Diagnosemethode bei Darmkrebs.

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Verdacht auf Darmkrebs

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Wenn der Arzt bei Ihnen oder Ihrem Angehörigen Darmkrebs vermutet, bedeutet dies, dass die Symptome auch eine harmlose Ursache haben können. Erst nach der endgültigen Diagnose steht fest, ob es tatsächlich Krebs ist.

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Adressen & Links

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