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Krebs und Partnerschaft: Nähe ist mir wichtig - gerade jetzt!?

Die Diagnose Darmkrebs stellt nicht nur Sie selbst vor eine neue Situation, sondern auch Ihren Lebensgefährten. Die Sorge um den geliebten Partner und der veränderte Alltag – zwischen Klinik, Arztbesuchen und Therapien – können eine Beziehung auf eine Bewährungsprobe stellen.

Viele nahestehende Personen wollen helfen, sind aber unsicher, wie sie mit Ihnen umgehen sollen. Manche ziehen sich zurück aus Angst, etwas falsch zu machen, zurück. Andere sind überengagiert oder übertragen gar ihre Angst auf den Patienten. Versuchen Sie am besten, offen mit Ihrem Partner zu sprechen. Sagen Sie ihm ehrlich, ob Sie seine Nähe oder Abstand brauchen. Wahrscheinlich wird er Verständnis dafür zeigen.

In dem Filmbeitrag „Krebs & Partnerschaft: Nähe ist mir wichtig - gerade jetzt!?" verraten Paare, wie sie die Diagnose Darmkrebs gemeinsam gemeistert haben.

Interview mit Diplom-Psychologin Claudia Stuhr zum Thema Darmkrebs: Sexualität & Partnerschaft

Die Diagnose Darmkrebs stellt nicht nur für den Patienten eine Krisensituation dar, sondern hat auch Auswirkungen auf die Partnerschaft. Die Erkrankung selbst, aber auch Ängste, Sorgen und ein verändertes Körpergefühl stellen eine Beziehung vor viele Herausforderungen. Was Paaren dabei helfen kann, diese schwere Zeit gemeinsam zu meistern, dazu haben wir mit Diplom-Psychologin Claudia Stuhr, Psychoonkologin aus Leipzig, gesprochen.

Wie wichtig ist für Darmkrebspatienten die Unterstützung des Partners?

Dipl.-Psych. Stuhr: Grundsätzlich stellt eine Darmkrebserkrankung eine Ausnahmesituation dar. Daher ist es sehr wichtig, dass der Patient sich nicht allein fühlt, sondern jemand da ist, der ihn unterstützt. Die Form der Unterstützung kann ganz unterschiedlich sein. Manchmal reicht es schon, dem Erkrankten die Hand zu halten oder einfach nur da zu sein. Andere Patienten hingegen möchten viel reden oder nach Informationen suchen. Es ist oft hilfreich, nachzufragen und Unterstützung anzubieten. Der Partner sollte es auch akzeptieren, wenn seine Hilfe gerade nicht erwünscht ist oder der Erkrankte nicht reden möchte.

Welchen Einfluss hat eine schwerwiegende Diagnose wie Darmkrebs auf den Beziehungsalltag eines Paares?

Dipl.-Psych. Stuhr: Unmittelbar nach der Diagnose ist der Alltag erst einmal geprägt von großer Unsicherheit und Ängsten. Hinzu kommt, dass Betroffene durch ihre Erkrankung oder als Folge der Therapien oftmals nicht mehr die Aufgaben erfüllen können, die sie sonst alltäglich erledigt haben. Jemand, der bisher den Haushalt geführt hat oder für die handwerklichen Tätigkeiten verantwortlich war, hat plötzlich Schwierigkeiten, diese Arbeiten auszuüben. Diese Veränderungen können auch die Rollenverteilung in einer Partnerschaft aus dem Gleichgewicht bringen.

Ein Erkrankter, der bisher aktiv und dominant durch das Leben ging und die „Leitung“ der Familie in der Hand hatte, kann durch die Erkrankung ruhiger, nachdenklicher oder auch zurückgezogener werden. Auch wenn nach der Behandlung der Alltag wieder einkehrt, muss der Patient für sich herausfinden, was er noch kann oder was er nicht mehr kann. Es kann auch vorkommen, dass plötzlich der Partner den Haushalt allein übernehmen muss. Das sind ganz lebenspraktische Dinge, die sich verändern können und den Beziehungsalltag enorm beeinflussen.

 

Was können Paare tun, damit diese schwierige Zeit ihre Partnerschaft nicht belastet?

Dipl.-Psych. Stuhr: Eine gewisse Belastung lässt sich nicht vermeiden, aber vielleicht mildern. Grundsätzlich hat die Qualität einer Partnerschaft vor der Krebserkrankung einen maßgeblichen Einfluss darauf, wie das Paar mit dieser Situation umgehen kann. Wenn ein Paar schon andere Krisen überwunden hat, fällt es oft leichter, auch eine Krebserkrankung gemeinsam zu bewältigen. Auf der einen Seite muss das Paar einen Weg finden, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen und sich darüber auszutauschen. Auf der anderen Seite ist es wichtig, sich auch als Paar nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu gehört: sich Auszeiten zu gönnen, sich etwas Gutes zu tun und gemeinsame Interessen und Ziele zu haben. Es kann hilfreich sein, zu überlegen: “Was hat uns bis jetzt geholfen, wenn wir in schwierigen Situationen waren?“ Ein wichtiger Teil einer Beziehung sind auch die kleinen Rituale in einer Partnerschaft. Diese fallen völlig weg, wenn sich der Patient in einer Klinik oder in einer anstrengenden Therapie befindet. Diese Rituale – zum Beispiel das gemeinsame Frühstück am Sonntag – wieder zu aktivieren und so den Blick für die kleinen Freuden im Alltag wiederzuerlangen, ist häufig von großer Bedeutung für die Beziehung.

Im Zusammenhang mit einer Darmkrebs-Erkrankung kann es notwendig sein, einen künstlichen Darmausgang, ein sogenanntes Stoma, anzulegen. Inwiefern führt dieser zu einem veränderten Körpergefühl? Welchen Einfluss kann das auf die Paarbeziehung haben?

Dipl.-Psych. Stuhr: An erster Stelle ist ein Stoma ein Fremdkörper, der nicht zu dem Patienten gehört. Es ist plötzlich da. Das Stoma hat mit Ausscheidungen zu tun. Das verbinden viele Menschen mit dem Gefühl der Scham, und allein der Gedanke daran ist unangenehm. Schon bei einem gesunden Menschen prägen in unserer Kultur Schönheit, Schlankheit und Unversehrtheit das Körperbild. Durch einen künstlichen Darmausgang haben viele Patienten das Gefühl, weder schön noch leistungsfähig zu sein.

Für viele ist es auch eine große Kränkung, so massiv und vor allem sichtbar verwundet zu sein. Diese Veränderung zu akzeptieren braucht Zeit und es kann durchaus hilfreich sein, Gespräche mit Vertrauten zu suchen. Auch der Austausch mit Betroffenen, die ebenfalls ein Stoma haben, kann helfen. Weitere Ansprechpartner können zudem Psychoonkologen, Stoma-Therapeuten oder auch Selbsthilfegruppen sein.

 

Wie beeinflusst eine Darmkrebserkrankung das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität?

Dipl.-Psych. Stuhr: Der Wunsch nach Zärtlichkeit und Sexualität wird von jedem Menschen sehr individuell erlebt. So ist es auch nach einer Darmkrebserkrankung. Während der Diagnosestellung und der Behandlung steht oft die Frage nach dem Überleben im Vordergrund. Manche Patienten wünschen sich dann besonders viel Körperkontakt, wünschen sich, gestreichelt zu werden. Andere brauchen erst mal Zeit ganz für sich. Die Lust auf Geschlechtsverkehr kann in solchen Zeiten akuter Krise stark gemindert sein. Wichtig finde ich für Paare, im Gespräch über ihre Bedürfnisse zu bleiben, auch wenn die Wünsche manchmal ganz verschieden sind. Wünsche und Befürchtungen im sexuellen Bereich anzusprechen, ist für viele Paare immer noch nicht selbstverständlich. Vielleicht ist gerade jetzt ein Anlass, das zu ändern. Dabei sollte jeder Partner Raum haben: Was tut mir gut? Was wünsche ich mir? Aber auch: Was möchte ich nicht? Was befürchte ich? Es braucht manchmal längere Zeit, bis sich die Lust auf „mehr“ wieder einstellt. Die Erkrankung und die Therapien haben Spuren hinterlassen. Es können auch körperliche Beeinträchtigungen beim Liebesspiel hinzukommen. Paare sollten miteinander im Gespräch bleiben und bei Bedarf Rat und Hilfe holen.

Wie können Patienten oder auch Paare das Thema Sexualität bei ihrem Arzt am einfachsten ansprechen?

Dipl.-Psych. Stuhr: Zunächst einmal ist es für Patienten wichtig, sich einzugestehen, dass man auch als Erkrankter sexuelle Gefühle und ein sexuelles Erleben haben kann. Je selbstverständlicher das ist, desto weniger Scham empfinden Betroffene dabei, dieses Thema beim Arzt anzusprechen. Wenn Patienten einen Arzt gefunden haben, dem sie vertrauen, sollten sie ihr Problem offen ansprechen und nachfragen, ob es vielleicht einen Zusammenhang mit der Behandlung gibt und was ihnen helfen könnte. Manchmal ist es auch gut, mit konkreten Vorschlägen, zum Beispiel mit dem Wunsch nach einem Erektionshilfesystem, in ein solches Gespräch zu gehen und den Arzt nach seiner Meinung zu fragen.

Wie sollte sich der Partner dem Patienten gegenüber verhalten, wenn er das Gefühl hat, dass dieser sich verschließt oder schämt?

Dipl.-Psych. Stuhr: Für den Partner ist es wichtig, herauszufinden, wie er den Patienten unterstützen kann. In einem ersten Schritt sollte sich der Partner seine eigenen Gefühle und Eindrücke gegenüber dem Erkrankten bewusst machen. Erst dann kann er sich dem Betroffenen zuwenden und dessen Bedürfnisse ansprechen: „Ich habe den Eindruck, dass es dir schwerfällt, darüber zu sprechen, aber ich bin für dich da und höre dir zu.“ Dabei sollte er den Patienten nicht zu stark bedrängen, denn dieser braucht Zeit. Wichtig ist, ein Angebot für ein Gespräch zu machen und dieses auch geduldig zu wiederholen.

An wen können sich betroffene Paare wenden, wenn sie allein keinen Weg der Kommunikation finden?

Dipl.-Psych. Stuhr: Unterstützung können Patienten und Angehörige bei den Familienberatungsstellen finden. 

Besonders die Beratungsstellen von „pro familia“ haben gut ausgebildete Mitarbeiter für Paar- und Sexualberatung. Geht es speziell um sexuelle Probleme, besteht auch die Möglichkeit einer Sexualtherapie. Diese wird in Deutschland allerdings nicht von den Krankenkassen übernommen.

 


 

 

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