Roche

Norbert B. Weitere Therapien

Nach meinen beiden Operationen, die zwar nicht komplikationslos, aber insgesamt erfolgreich verliefen, über die ich allerdings erst in einem späteren Kapitelgenauer berichten werde, empfahl eine interdisziplinäre Tumorkonferenz noch eine anschließende Chemotherapie.


Ich galt zwar jetzt als tumorfrei und die offiziellen Behandlungsleitlinien sahen für meinen Fall nicht zwangsläufig eine Chemotherapie vor, da ich aber noch relativ jung war und grundsätzlich in einer relativ guten körperlichen Verfassung, meinte man, eventuell doch noch vorhandenen, nicht nachweisbaren Miniresten auf diese Weise beikommen zu können. Es war also eine Sicherungsmaßnahme. Für mich war diese Empfehlung weder überraschend noch schockierend, da ich aufgrund des bereits recht weit fortgeschrittenen Stadiums meines Krebses sowieso schon mit einer Chemo gerechnet hatte. Ich stellte ihre Notwendigkeit daher nicht in Frage, sondern betrachtete sie vielmehr als Chance, meine Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Mit den OPs hatte ich bereits eine ganze Menge durchgemacht. Ihren Erfolg wollte ich nicht gefährden. Da würde ich eine Chemo auch noch überstehen können. Allerdings wollte ich sie auf jeden Fall ambulant durchführen, da ich vom Krankenhaus jetzt erst einmal genug hatte. Dem stand auch nichts entgegen. Hätte ich jedoch Zweifel an dem ganzen Sinn der Chemo gehabt, dann hätte ich nach Möglichkeit versucht, mich mit Fachleuten und Freunden auszutauschen, um zu einer Lösung zu kommen. Eine Lösung, die dann meine eigene gut überlegte Entscheidung gewesen wäre, ob nun für oder gegen die Therapie.

Vorbereitung auf die Chemo

Mit meinem Onkologen besprach ich das weitere Vorgehen. Es sollten sechs FOLFOX-Zyklen in jeweils zweiwöchigem Abstand zum Einsatz kommen. Vor dem Hintergrund der angenommen Tumorfreiheit sah er es allerdings nicht als vorrangig an, sofort mit der Chemo zu beginnen, sondern an erster Stelle stand zunächst einmal meine körperliche Stärkung. Mein Gewicht war im Krankenhaus auf unter 60 kg bei 1,83 m Körpergröße gefallen. Ich hatte Wasseransammlungen, Blutarmut und verschiedene Mineralstoffmängel. Alles wohl nicht wirklich ungewöhnlich, aber doch behandlungsbedürftig. Es dauerte knapp anderthalb Monate, von meiner Krankenhausentlassung an gerechnet, bis ich mit Hilfe von Spaziergängen, Medikamenten und diätetischer Zusatznahrung ein Level erreichthatte , das den Beginn der Therapie erlaubte. In dieser Zeit ließ ich mir einen Port legen, was ebenfalls ambulant möglich war und ohne große Schmerzen gelang. Es ist zwar etwas eigenartig, so ein Metallteil unter der Haut im Schulterbereich zu haben, aber ich bin sehr froh, dass ich dadurch auf das lästige und häufige Setzen von Venenanschlüssen am Arm oder an den Händen verzichten konnte. Mein Onkologe klärte mich zudem über die möglichen Nebenwirkungender Therapie auf, wobei er gleichzeitig ihre meist gute Verträglichkeit hervorhob, was bei mir zur Beruhigung beitrug. Zusätzlich informierte ich mich in der Bibliothek über die Verträglichkeit und Folgen einer Chemo, stellte noch einmal einen eigenen kleinen Fragenkatalog zusammen, den ich anschließend mit ihm durchging. Außerdem verschrieb er mir von nun an regelmäßig Selen und Zink, die dabei helfen sollten, die möglichen Beeinträchtigungen zu kompensieren. Sollte ich in Zukunft noch einmal vor einer Chemo stehen, was hoffentlich nicht der Fall sein wird, würde ich mich wohl außerdem mit Komplementärmedizinern darüber beratschlagen, wie ich mich vor, während und nach der Chemo stärken kann. Diese Leute haben meiner Ansicht nach am ehesten das dafür nötige Wissen und die Erfahrung. Darüber würde ich auch offen mit meinen anderen Ärzten reden und ihnen die Mittel nennen, die ich gegebenenfalls einnehmen würde. Deren Wirksamkeit muss für mich nicht unbedingt streng wissenschaftlich erwiesen sein, aber die Ärzte oder Heilpraktiker, deren Empfehlungen ich folge, müssen auf jeden Fall mein volles Vertrauen genießen –was im Grunde genommen jedoch für jeden Arzt gilt. Ich möchte also die Rat schläge und Indikationen sowohl der Schul- als auch der Komplementärmediziner nachvollziehen können und keine von beiden Gruppen dürfte versuchen, die jeweils andere Seite schlecht zu reden. Diese künstliche Aufspaltung behagt mir sowieso nicht so recht.

Anspannung und Erleichterung zu Beginn der Therapie

Als es dann mit der Chemo losging, empfand ich eine Mischung aus Anspannung und Erleichterung. Ich hatte Angst vor den Nebenwirkungen, war aber gleichzeitig froh, nun zu beginnen und es konkret zu erleben, statt es mir nur vorzustellen und um es auch in absehbarer Zeit wieder hinter mich zu bringen. Die Zuführung der Medikamente erstreckte sich über drei Tage, an die sich elf Tage zur Erholung anschlossen. Einen Teil der Medikamente bekam ich in der Arztpraxis und einen Teil mittels einer ballartigen Pumpe, die ich über den Bauch geschnallt über Nacht mit nach Hause nahm. In der Praxis saß ich mit etwa sieben anderen Patienten zusammen in einem Raum auf fernsehsesselartigen Sitzen beziehungsweise Liegen. Die Schwestern waren sehr fürsorglich, sodass alles zusammen genommen die Situation zwar bedrückend war, aber unter diesen Umständen auch gut erträglich. Ich redete nicht sonderlich viel mit den anderen Patienten und trotzdem empfand ich zu ihnen eine Art Schicksalsverbundenheit, die sich erleichternd auswirkte.

Durchwachsene Verträglichkeit

Am ersten Tag bekam ich zu Hause sehr starke Bauchschmerzen und ich fühlte mich extrem erschöpft. Zum Glück konnte ich bald einschlafen. Die nächsten beidenTag e hatte ich kaum noch Bauchbeschwerden, war jedoch sehr matt und irgendwie angeschlagen. Hinzu kam eine leicht depressive Stimmungslage. Ich fühlte mich elend, weil ich all das über mich ergehen lassen musste. Dieser Zustand wiederholte sich von nun an jedes Mal, wenn ein neuer Zyklus anstand, allerdings glücklicherweise ohne die anfänglich massiven Bauchbeschwerden. Andere klassische Symptome wie heftige Übelkeit oder Haarausfall, die man üblicherweise mit einer Chemo verbindet, traten nicht in Erscheinung. Mit der Zeit kamen allerdings noch Kribbeln und Taubheitsgefühl ein den Händen und Füßen hinzu. In den Tagen der Medikamentenzuführung und auch noch einige Tage hinterher konnte ich kalte Sachen nur mit Handschuhen anfassen. Die Taubheitsgefühle in den Zehen hielten zudem noch monatelang nachdem letzten Zyklus an, waren aber nicht wirklich beeinträchtigend. Ich gewöhnte mich an sie, allmählich gingen sie zurück und irgendwann waren sie ganz weg. Einige Male hatte ich außerdem Entzündungen im Mund, wogegen jedoch Spülungen mit Kamillentee recht gut halfen. Was mir damals ebenfalls sehr half, waren Essenseinladungen bei Freunden. Ich wohnte alleine und meine Freundin lebte etwa 50 km entfernt, wo sie ihrer täglichen Arbeit nachgehen musste. Deshalb war es sehr unterstützend für mich, dass ich jeweils in den ersten beiden Tagen eines Zyklus, in denen ich mich noch am mattesten fühlte, zu Freunden gehen konnte. Darum hatte ich mich nach meinen ersten „Chemoerlebnissen“ vorsorglich gekümmert.

Kritische Erlebnisse

Der ursprünglich eingeplante zweiwöchige Therapierhythmus konnte während der ganzen Zeit leider nicht eingehalten werden, da meine Blutwerte immer wieder eine Therapie nicht zuließen. Einmal wurde es richtig kritisch, weil ich zu der Zeitzusätzlich den Blutgerinnungshemmer Marcumar einnehmen musste, was sich wohl mit einer Chemo nicht verträgt. Meine Gerinnungswerte sanken gen Null und ich musste wieder ins Krankenhaus. Daraufhin wurde das Marcumar ersetzt. Mein letzter Zyklus musste außerdem vorzeitig abgebrochen werden. Mit einem Mal vertrug ich die Medikamente überhaupt nicht mehr. Noch in der Praxis kam es zu massiven Durchfällen bei gleichzeitig heftigem Erbrechen. Mein Arzt beschloss, das als deutliches Körpersignal zu deuten und die Therapie daraufhin ganz zu beenden. Trotzdem ist mir diese Zeit der Chemo nicht als extrem horrormäßig in Erinnerung. Es war bestimmt nicht schön, das will ich nicht behaupten, aber ich konnte dennoch weitestgehend meinem „normalen“ Leben nachgehen. Normal nur in Anführungsstrichen, weil so kurz nach der Krebsdiagnose und den Operationen ein wirklich normales Leben sowieso noch nicht drin war.

Zusätzliche Unterstützung durch Psychotherapie

Es heißt zwar, dass Operation, Strahlen- und Chemotherapie die drei Säulen bei der Krebstherapie bilden, aber für mich gehört die psychologische Hilfe gleichsam als vierte Säule mit dazu. Bereits kurz nach der Diagnose, sozusagen also von Beginn an, war mir klar, dass ich mir psychotherapeutische Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung holen würde. Als Psychologe habe ich im Vergleich zu vielen anderen Patienten sicher den Vorteil, diesbezüglich für mich keine Berührungsängste zu kennen und auch darüber Bescheid zu wissen, wie ich einen geeigneten Psychotherapeuten finde. Zudem ist mir aufgrund meiner eigenen therapeutischen Zusatzqualifikation Selbsterforschungsarbeit mit professioneller Unterstützung nicht fremd und ich weiß um ihre heilsamen Möglichkeiten. Daher begann ich etwa parallel zur Chemo mit einer Psychotherapie. Es gibt hierfür speziell ausgebildete Psychoonkologen, die für die Arbeit mit Krebspatienten eigens qualifiziert sind. Mir war es jedoch weniger wichtig, einen Therapeuten zu finden, der diese spezielle psychoonkologische Ausbildung besaß, sondern vielmehr wollte ich mit jemandem zusammenarbeiten, der von seiner therapeutischen Grundausrichtung ähnlich orientiert war wie ich selbst. Das erleichterte mir den Zugang. Ich war insgesamt etwas über zwei Jahre in dieser Psychotherapie und habe für den Umgang mit meiner Krankheit davon ungemein profitiert.

Karin U. Therapiebeginn

Karin U. Therapiebeginn

Karin U. brach die erste Behandlung ab und suchte die Hilfe eines Psychologen. Dieser gab ihr Halt: „Der erste Kontakt mit jemandem, der sich nur für mein emotionales Befinden interessierte, war erleichternd.“

Karin U. Therapiebeginn
Michael B. Therapiebeginn

Michael B. Therapiebeginn

Drei Wochen nach der Operation begann für Michael B. die Chemotherapie. „Ich war zwar ein bisschen müde, konnte aber immer noch arbeiten gehen“, erzählt er. Diese Behandlung empfand er als „eher mild“.

Michael B. Therapiebeginn
Chemotherapie

Chemotherapie

Eine Chemotherapie ist eine medikamentöse Behandlung, die die bösartigen Zellen zerstören und das Zellwachstum hemmen soll. Sie kommt je nach Stadium und Lage des Tumors zum Einsatz.

Chemotherapie
Lightbox Image
zum Seitenanfang

ABSTIMMUNG

-->