Roche

Norbert B. Nach der Operation

Vor meiner Operation gehörte es mit zu meinen größten Sorgen, hinterher mit einem Stoma wieder aufzuwachen. Ich wurde vorher darüber informiert, dass die letzte Entscheidung erst während der OP fallen würde.


Daher gehörte es während der Vorbereitung auch dazu, in meiner linken Leistenregion eine Stelle mit einem wasserfesten Stift zu markieren, an der gegebenenfalls der künstliche Ausgang gelegt werden sollte. Obwohl es nur ein vorübergehendes Stoma gewesen wäre, war ich hinterher heilfroh, ohne auskommen zu können. Es ist eine meiner ersten Erinnerungen an die Zeit des Aufwachens, wie ich mit der Hand in Richtung linke Leiste tastete, um zu überprüfen, ob dort etwas angebracht war oder nicht.

Später auf der Normalstation konnte ich zumindest indirekte Erfahrungen mit einem Stoma machen. Mein Zimmernachbar, ein älterer Herr, hatte während seiner OP einen künstlichen Ausgang gelegt bekommen. Ich bekam mit, wie er regelmäßig von einem Stoma-Assistenten besucht wurde, der in einer sehr pragmatischen Weise das Anlegen und Wechseln der Beutel vornahm, ebenso wie er den Patienten darin anleitete, es bald selber zu machen. Ich bekam aber auch mit, wie schwer sich mein Zimmernachbar noch mit dieser neuen Herausforderung tat. Er hätte die Beutel manchmal am liebsten von seinem Körper weggerissen.

Einige Zeit später kam das Thema Stoma noch einmal auf. Ein knappes Jahr nach meinen Operationen hatte ich Probleme mit einer Darmfistel, die dort lag, wo meine beiden Darmenden wieder zusammengenäht worden waren. Sie entzündete sich immer wieder, wodurch ich Fieber bekam und teilweise auch Schmerzen hatte. Mit einem Mal stand das Thema Stoma wieder im Raum. Die Ärzte meinten, das sei der beste Weg, die Fistel in Ruhe ausheilen zu lassen. Sie sahen allerdings vorerst noch keine unmittelbare Dringlichkeit, weshalb ich mich zum Abwarten und Hoffen entschied. Über mehrere Monate hinweg war es unklar, ob diese erneute OP vorgenommen werden würde oder nicht. Der Anus praeter (künstlicher Darmausgang) war eine ständige Option, ich mochte mich aber nicht dazu durchringen. Da sich die Fistel dann letztlich nicht verschlimmerte und die Entzündungen abklangen, war ich auch dieses Mal ohne einen künstlichen Darmausgang ausgekommen.

In dieser Zeit begann ich aber auch damit, mich etwas mehr mit der Thematik auseinanderzusetzen. Unter anderem ging ich während eines Patientenkongresses an den Stand der Deutschen ILCO, um mich zu informieren. Ich schilderte dem Herrn dort meine Entscheidungsproblematik und wollte wissen, was in etwa auf mich zukäme, falls ich mich operieren ließe. Seine persönlichen Erfahrungen zeigten mir, wie wenig ein Stoma den Alltag beeinträchtigen muss, wenn es einem gut gelingt, mit ihm umzugehen und ihn vor allem zu akzeptieren. Das Informationsmaterial, das ich mir später noch durchlas, machte mir zumindest Mut. Auch ich würde wahrscheinlich besser mit der Situation klarkommen, als ich stets befürchtete, falls ich mir doch noch einen künstlichen Ausgang legen lassen würde

Abschließende Überlegungen

Ich finde es an sich schon ganz spannend, welche Ausmaße die Angst vor einem Stoma annimmt, sobald es nach der Diagnose Darmkrebs auf die Operation zugeht. Dass ich beim Wiederaufwachen wirklich als allererstes nach meiner Leiste tastete, obwohl mein Bewusstsein eigentlich noch ganz getrübt von der Narkose war, dann zeigt mir das, welch ungemeine Relevanz das Thema damals für mich hatte. Ein Grund dafür ist sicher die Ungewissheit, mit der ich in die Narkose geschickt wurde. Man konnte mir vorher nicht definitiv sagen, ob ich mit einem künstlichen Ausgang aufwachen würde oder nicht. Ich musste es nun unbedingt selbst überprüfen. Als ich später zum zweiten Mal davor stand, eventuell ein Stoma gelegt zu bekommen, war die Situation eine andere. Die Entscheidung lag nun bei mir selbst und ich konnte mich besser darauf vorbereiten. Es wäre nie zu diesem ungewissen Zustand gekommen, ob ich mit oder ohne einen künstlichen Darmausgang aus der Narkose erwache.

Es geht bei dieser Angst aber wahrscheinlich auch noch um etwas Tiefgründigeres, denke ich mir. Immerhin wird einem die Kontrolle über eine Fähigkeit entzogen, die man sich in frühester Kindheit angeeignet hat. In meinen Angstfantasien entstehen Bilder eines sich unablässig füllenden Beutels. Ich muss aufpassen, dass er sich nicht löst, darf nicht zu sehr drauf drücken, damit er nicht undicht wird und während des Wechselns schmiert sich der Kot über meinen Bauch. Auf eine gewisse Weise fühle ich mich mit einem Makel behaftet, der mich in punkto Sauberkeitsentwicklung vermeintlich wieder auf die Stufe eines unbeholfenen Kleinkindes zurückwirft. Immerhin gehört die kontrollierte Zurückhaltung des Stuhls zu den elementaren Aufgaben für die Beherrschung des eigenen Körpers. Plötzlich aber sieht man sich wieder unmittelbar mit seinen Ausscheidungen konfrontiert, kommt mit ihnen direkt in Berührung und kann sich nicht mehr einfach auf die Toilette setzen, um sie dort relativ unauffällig zu entsorgen. Das ist eine extrem unangenehme und sehr körpernahe neue Situation.

Aber eine Erfahrung, die ich durch meine Erkrankung gemacht habe, besteht darin, dass ich heute viel unverkrampfter mit allem umgehe, was sich um meine Darmausscheidungen dreht. Das Reden über den eigenen Stuhlgang, über eventuelle Probleme damit oder auch über wohltuende Umstände ist bei weitem nicht mehr mit so viel Scham und Tabu besetzt wie vor meinen Operationen. Es ist mehr Natürlichkeit eingekehrt. Deshalb glaube ich auch, dass sich ein reales Stoma am eigenen Leib längst nicht so erniedrigend anfühlt, wie es die Angstfantasien zuweilen ausmalen.

Karin U. - Nach der OP

Karin U. - Nach der OP

Karin U. hatte einen künstlichen Darmausgang. Die Bekanntschaft mit einer Patientin mit Stoma hat ihr Mu gemachtt. „Sie hatte diese Veränderung angenommen und stellte sich der Situation. Das wollte ich auch tun.“

Karin U. - Nach der OP
Nach der Operation

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Viele Darmkrebs-Patienten sind nach der Operation erst einmal erleichtert. Oft geht es ihnen danach besser, als sie vielleicht vermutet hatten. Im Befundgespräch sagt ihnen der Arzt, wie es weitergeht.

Nach der Operation
Darmkrebs-Operation

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Die Operation ist eine der wichtigsten Behandlungsformen bei Darmkrebs. Besonders gut stehen die Heilungschancen, wenn der Tumor in einem frühen Stadium erkannt wird und restlos entfernt werden kann.

Darmkrebs-Operation
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