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Interview zu Palliativmedizin mit PD Dr. Stephan Sahm

Welchen Stellenwert Palliativmedizin in den verschiedenen Phasen einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung hat, für wen eine Patientenverfügung sinnvoll ist und welche Rolle Spiritualität am Lebensende spielt, dazu haben wir mit PD Dr. Stephan Sahm, Palliativmediziner, Chefarzt der Medizinischen Klinik I des Offenbacher Ketteler-Krankenhauses und Leiter des Offenbacher Darmzentrums, gesprochen.

Was versteht man unter Palliativmedizin?

Dr. Sahm: Unter Palliativmedizin verstehen wir spezifische medizinische Behandlungen, die darauf ausgerichtet sind, Symptome bei Menschen mit einer fortgeschrittenen, nicht mehr heilbaren Erkrankung zu lindern. Eine palliativmedizinische Therapie wird häufig ergänzt durch andere unterstützende Angebote, zum Beispiel Sterbebegleitung,  Seelsorge oder psychologische Hilfe. Hierbei geht es um die mentale Unterstützung der Betroffenen sowie um die Auseinandersetzung mit den spirituellen Bedürfnissen am Lebensende. Ambulante Hospizdienste haben darüber hinaus die Aufgabe, Angehörige bei der Betreuung von Betroffenen zu entlasten. So ist es diesen möglich, einen Arzttermin wahrzunehmen oder etwas Raum für sich zu haben. Ein stationäres Hospiz bietet Patienten einen Ort zum Leben für die Zeit, die ihnen bleibt.

Welche Ängste und Vorurteile haben Patienten die Palliativmedizin betreffend?

Dr. Sahm: Die Hauptänderung ist, dass der palliativmedizinische Gedanke viel weiter in die Medizin eingedrungen ist. Ursprünglich war die Palliativmedizin eine Art Bürgerbewegung. Engagierte Menschen haben sich damals zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Versorgung von Menschen am Lebensende bedürfnisgerechter zu gestalten.

Wie hat sich die Palliativmedizin in den letzten Jahren verändert?

Dr. Sahm: Die Hauptänderung ist, dass der palliativmedizinische Gedanke viel weiter in die Medizin eingedrungen ist. Ursprünglich war die Palliativmedizin eine Art Bürgerbewegung. Engagierte Menschen haben sich damals zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Versorgung von Menschen am Lebensende bedürfnisgerechter zu gestalten.


Dieser Grundgedanke wurde mit den Jahren immer professioneller umgesetzt, denn Symptomlinderung am Lebensende ist nicht einfach. Man benötigt tiefgreifende medizinische Kenntnisse gemischt mit Einfühlungsvermögen sowie verschiedenen Hilfsdiensten (Seelsorge, Psychologie, Hospizen, Gesprächs- und Musiktherapie etc.). Diese Kombination führt zu einer guten palliativen Versorgung von Betroffenen. Die Kosten für die Betreuung und Behandlung im Rahmen der Palliativmedizin werden heute von den Krankenkassen übernommen.

Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität. Welche Möglichkeiten stehen Ärzten heute zu Verfügung, um das zu erreichen?

Dr. Sahm: Wenn wir über eine nicht heilbare Erkrankung sprechen, die weit fortgeschritten ist, kommt es nicht mehr darauf an, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. Dies erreicht man, indem man die Erhaltung der Lebensqualität von Betroffenen in den Mittelpunkt aller Bemühungen stellt. Neben der Linderung von Schmerzen oder anderen Symptomen geht es dann zum Beispiel um die kleinen Dinge, die Lebensfreude bereiten: den Geburtstag des Enkels mitzuerleben oder die Fußball-Weltmeisterschaft gemeinsam mit Freunden zu schauen. Im Klinikalltag erleben wir es oft, dass Betroffene mit diesen kleinen Zielen gut leben können. Sie nehmen ihnen zwar nicht die Angst vor dem Tod, aber sie bereiten Zufriedenheit.

Viele Menschen fürchten sich vor einer grenzenlosen medizinischen Behandlung am Ende ihres Lebens. Woher kommen diese Ängste?

Dr. Sahm: Gerade im Bereich der Tumorerkrankungen haben wir heute mehr therapeutische Möglichkeiten als früher. Dennoch können wir Patienten nicht immer heilen. Die Grenzen einer Behandlung müssen für jeden Betroffenen von den Ärzten individuell bestimmt werden. Die Furcht vor eine Übertherapie kommt daher, dass Patienten ihre Situation und ihre Behandlung nicht wirklich durchschauen. Und so fällt es ihnen und den Angehörigen oft schwer, die medizinischen Grenzen zu verstehen. Dies führt dann zu Unverständnis und erzeugt Ängste bei allen Beteiligten.

Welche Rolle spielt Kommunikation, wenn feststeht, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist?

Dr. Sahm: Der Austausch der behandelnden Ärzte mit Betroffenen und Angehörigen ist enorm wichtig. Bestenfalls sollten alle wissen, wo der Patient gesundheitlich steht, wie er weiter behandelt werden soll und was im Lauf der Erkrankung passieren kann.


Die Vorbereitung auf das „Schlimmste“ gibt allen Beteiligten – auch Pflegekräften und Ärzten –Sicherheit. Darüber hinaus ist es wichtig, in Gesprächen immer wieder aktiv spirituelle Angebote zu machen. Meiner Erfahrung nach erwarten Patienten, dass ihre spirituellen Bedürfnisse durch Angehörige, Ärzte oder Pflegekräfte angesprochen werden. Häufig reichen schon einfache Fragen wie: Kann es sein, dass Sie Hilfe brauchen? Sollen wir Ihnen jemanden zur Seite stellen? Und wenn ja, wen sollen wir ansprechen? Der Wunsch nach Spiritualität kann sich in der Phase des Abschiednehmens ganz unterschiedlich ausdrücken. Manchmal geht es darum, alte Konflikte zu lösen, andere möchten beichten, mit einem Psychologen sprechen oder sich mit einem guten Freund austauschen. Das, was in diesen Momenten passiert, können wir nicht durch eine Therapie ersetzen.

Würden Sie Krebspatienten in einer Palliativsituation zu einer Patientenverfügung raten? Was sind die Alternativen?

Dr. Sahm: Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass sich auch viele gesunde Menschen mit dem Gedanken an eine Patientenverfügung befassen. Diese jedoch wirklich zu formulieren, überfordert die Mehrzahl der Menschen, da es schwer ist, sich als Gesunder gegen eine Behandlungsform im Krankheitsfall oder eine lebenserhaltende Maßnahme auszusprechen. Studien haben gezeigt, dass diese Entscheidung sogar für medizinisches Personal schwierig ist. Wenn Betroffene eine Krankheit haben, die medizinisch komplex ist, schnell fortschreitet, und man den Verlauf vorhersehen kann, empfehle ich, ein Gespräch über die medizinischen Grenzen zu führen, die die jeweilige Person betreffen. In diesem Gespräch rate ich Betroffenen häufig zur Benennung einer bevollmächtigten Person (z. B. der Ehefrau, der Kinder). Also eines „Vertreters“, der für den Patienten über die medizinische Behandlung entscheidet, wenn es ihm selbst nicht mehr möglich ist. Dies gilt auch für die Begrenzung lebenserhaltender Maßnahmen.

Sie empfehlen Betroffenen also generell eher eine Bevollmächtigung als eine Patientenverfügung?

Dr. Sahm: Pauschal kann man das natürlich nicht sagen. Aber der eindeutige Vorteil einer Bevollmächtigung ist es, dass Patienten im Gegensatz zur Patientenverfügung jemand ernennen können, der mit der aktuellen gesundheitlichen Situation und den medizinischen Möglichkeiten vertraut ist und so bei Bedarf gezielt reagieren kann. Diese Entscheidung fällt Betroffenen oft leichter, als in einer Patientenverfügung lang- oder kurzfristig bestimmte Behandlungsmethoden für sich komplett auszuschließen. Zudem benötigt man für eine Bevollmächtigung keine notarielle Beglaubigung und kann diese auf einem formlosen Papier niederschreiben. Vor dem Gesetz ist die Benennung eines Vertreters trotzdem gültig und somit für Ärzte verbindlich.

Für Menschen, die sich mit dem Thema Patientenverfügung befassen möchten: Welche formalen Bedingungen erfordert eine rechtsgültige Patientenverfügung? Kann man diese auch wieder ändern?

Dr. Sahm: Eine Patientenverfügung ist ein schriftliches Dokument, das festlegt, welche Behandlungsformen man in einer lebensbedrohlichen Lage wünscht oder ablehnt. Sie muss persönlich unterschrieben sein. Wenn das aufgrund von Schwäche nicht mehr möglich ist, reicht auch die Anwesenheit von zwei Zeugen, die den Wunsch des Menschen bzw. Betroffenen bestätigen. Die Patientenverfügung kann jederzeit geändert werden. Dabei gilt immer der aktuelle Wunsch eines Menschen. Grundsätzlich ist es empfehlenswert, regelmäßig zu überprüfen, ob die Patientenverfügung noch dem aktuellen Empfinden entspricht, und sie sonst entsprechend zu ändern. Trifft eine Patientenverfügung die aktuelle medizinische Lage, müssen Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige diese, d. h. den Willen des Patienten, zu jeder Zeit berücksichtigen.

Wo bekommt man Unterstützung beim Erstellen einer Patientenverfügung?

Dr. Sahm: Hilfe beim Formulieren einer Patientenverfügung bieten unterschiedliche Institutionen. Empfehlenswert sind zum Beispiel die Deutsche Hospizstiftung oder die verschiedenen christlichen Beratungsstellen. Neben dem Hausarzt sollte im Krankheitsfall auch der diagnoseführende Arzt oder der Tumorarzt miteinbezogen werden.

Tumorstadien

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Die Wahl der Therapie hängt davon ab, wie sehr der Tumor im Darm gewachsen ist. Ärzte ordnen ihn einem bestimmten Stadium zu und entscheiden danach mit dem Patienten, welche Therapie sich für ihn eignet.

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Darmkrebs-Operation

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Die Operation ist eine der wichtigsten Behandlungsformen bei Darmkrebs. Besonders gut stehen die Heilungschancen, wenn der Tumor in einem frühen Stadium erkannt wird und restlos entfernt werden kann.

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Strahlentherapie

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Die Strahlentherapie soll den Tumor möglichst effektiv bestrahlen und das umgebende gesunde Gewebe so wenig wie möglich schädigen. Eine solche Therapie kann mit einer Chemotherapie kombiniert werden.

Strahlentherapie
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