Interview mit Prof. Dr. Josef Beuth zu Komplementärmedizin
Was man genau unter Komplementär- medizin versteht und was Betroffene beachten sollten, dazu haben wir mit Prof. Dr. Josef Beuth, Direktor des Instituts zur wissenschaftlichen Evaluation naturheil- kundlicher Verfahren in Köln gesprochen
Film: Gegen den Krebs mit Naturmedizin, Ayurveda, Akupunktur?
Was versteht man unter alternativen Heilmethoden bzw. Komplementärmedizin?
Beuth: Unter „Alternative Heilmethoden“ verstehen wir Verfahren, die an Stelle von Standardmedizin wie zum Beispiel Chemotherapie angeboten werden. Dabei muss man wissen, dass schulmedizinische Therapieverfahren in Studien ausgetestet werden, dass heißt es liegen Daten vor, dass diese unbedenklich und wirksam sind. Im Gegensatz dazu sind alternative Verfahren weder ausgetestet noch untersucht. Es kann also zu großen Problemen kommen, wenn diese in der Krebsbehandlung, als Ersatz für erprobte schulmedizinische Verfahren eingesetzt werden. Unter Komplementärmedizin verstehen wir etwas anderes. „Komplementär“ heißt ergänzend, das heißt, diese Methoden nehmen keinen eigenständigen Einfluss auf das Überleben der Patienten, auf Rezidiv- oder auf Metastasen-Bildung. Aber mithilfe der Komplementärmedizin können wir die Lebensqualität von Betroffenen während und nach der Behandlung verbessern.
Zusammengefasst kann man sagen: „Alternativ“ heißt entweder oder, „komplementär“ bedeutet, es handelt sich um ergänzende Aktivitäten zur schulmedizinischen Therapie.
Welche Formen der Komplementärmedizin gibt es?
Beuth: In der Komplementärmedizin gibt es die nicht-medikamentösen und die medikamentösen Formen. Die nicht-medikamentösen Verfahren kennt eigentlich jeder. Dabei geht es zum einen um die Themen Ernährung und Bewegung. Hier wissen wir, dass eine gesunde Ernährung und regelmäßige sportliche Aktivitäten sich positiv auf den Krankheitsverlauf während der Therapie, aber auch danach auswirken können. Zum anderen spielt die Bestärkung der „Psyche“ von Betroffenen eine wichtige Rolle. Hier kommen zum Beispiel Entspannungs- übungen, Kunsttherapien aller Art oder psychoonkologische Beratung zum Einsatz. Schwerpunkt ist es Patienten Ängste zu nehmen und sie zu stärken.
Zusätzlich gibt es einige naturheilkundliche medikamentöse Verfahren, die wissenschaftlich ausgetestet sind. Diese können als Ergänzung bei Chemo- und Strahlentherapie eingesetzt werden. Ob diese Präparate für Betroffene in Frage kommen, hängt immer vom individuellen Krankheitsfall ab.
Welche Motivation steckt dahinter, wenn sich Patienten aktiv mit den Möglichkeiten der Komplementärmedizin auseinandersetzten?
Beuth: Der Hintergrund ist, dass viele Patienten den Therapieerfolg verbessern und die damit verbundenen Nebenwirkungen reduzieren wollen. Dabei steht grund- sätzlich nicht der Wunsch im Mittelpunkt, die Standardtherapie zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, etwas für sich selbst zu tun, selbst aktiv zu werden. Ziel von Betroffenen ist es, Verfahren zu finden, die nicht kontraproduktiv zu ihrer eigentlich Behandlung sind, die aber trotzdem bestimmte Nebenwirkungen reduzieren. Häufig erlebe ich es, dass auch Angehörige in meine Beratung kommen. Sie möchten sich informieren, ob es Möglichkeiten gibt, den Betroffenen während der Behandlung zu unterstützen. In der Regel kommen die Patienten in einem zweiten Termin dann aber auch selbst zur Beratung.
Warum ist es wichtig, dass Patienten ihrem Arzt mitteilen, wenn sie komplementäre Methoden nutzen? Gibt es Wechselwirkungen?
Beuth: Die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt ist sehr wichtig. Es gibt viele Verfahren aus der Naturheilkunde oder aus der Komplementärmedizin, die in bestimmten Phasen einer Krebserkrankung oder während der Therapie negative Wirkungen haben. So sollten Patienten während einer Chemo- oder Strahlentherapie auf die Einnahme von hochdosiertem Vitamin C, Pampelmusen-Saft oder Johanniskraut verzichten, da diese die Wirksamkeit mindern. Ich denke, Betroffene sollten mit dem behandelnden Arzt immer besprechen, was sie vorhaben oder was sie möchten. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass diese Gespräche für Patienten oft nicht einfach sind. Betroffene gehen zu ihrem Onkologen und sagen: „Ich hab da irgendwas gelesen, wäre das nicht auch etwas für mich?“ Oft werden sie dann mit kurzen Statements „ruhig gestellt“. Das ist ein großes Problem, denn Patienten fühlen sich in dieser Situation plötzlich nicht mehr ernst genommen. Um dem entgegenzuwirken, hat unser Institut zum Beispiel zusammen mit der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen eine Patientenbroschüre zum Thema „Komplementäre Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen“ herausgebracht. Dort sind einzelne komplementäre Verfahren mit den entsprech- enden Studien aufgeführt. Diese wissenschaftliche Grundlage erleichtert es Betroffenen, mit ihrem Arzt ins Gespräch zu kommen.
Hier können Sie die Broschüre „Komplementäre Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen“ kostenlos downloaden >>
oder unter www.uk-koeln.de/institute/iwenv/
Mithilfe welcher Kriterien können Betroffene herausfinden, ob eine komplementärmedizinische Methode seriös ist?
Beuth: Eine Beurteilung dieser Verfahren ist schwierig, häufig sogar für die behandelnden Ärzte. Denn mithilfe von Worten und Bildern können viele, auch unseriöse Methoden äußerst glaubwürdig erscheinen. Besonders im Internet gibt es ein riesiges, unüberschaubares Angebot. Für Patienten ist es dann fast unmöglich, sich in diesem „Dschungel“ zu Recht zu finden. Zu mir in die Beratung kommen häufig Patienten und haben ihre Internetrecherche dabei, dann besprechen wir gemeinsam, was wirklich sinnvoll ist. Die Angst der Betroffenen wird durch unseriöse Hersteller brutal ausgenutzt, daher ist es wichtig, dass sie sich gezielt an beratende Institute wie das unsere wenden.
Hier haben wir Ihnen die Kontaktdaten einiger Institute, die Beratung im Bereich Komplementärmedizin anbieten, zusammengestellt >>