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Erfahrungsbericht einer guten Freundin

Als vor 7 ½ Jahren ein naher Freund mir mitteilte, dass ein Internist, den er wegen häufiger Erkrankungen auf- gesucht hatte, ihn direkt zur Abklärung ins Kranken- haus schickte, schreckte ich sehr auf. Eine Beklommenheit breitete sich aus, aber mögliche Bedeutungen wollte ich nicht wahrhaben und hoffte, dass das Ergebnis beruhigend sein würde. Es offenbarte sich jedoch schnell, dass er Darmkrebs und Lebermetastasen hatte und diese Nachricht traf mich wie ein Schlag. Ich war zu dem Zeitpunkt 35 Jahre alt und war weder in der Familie noch im Freundeskreis mit ernsteren Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs konfrontiert gewesen. Zudem war ich gerade im Mutterschutz, da ich 1 ½ Monate zuvor Mutter einer Tochter geworden war, was für mich mit viel Freude und großen persönlichen Veränder- ungen verbunden war. Ich war erschüttert und fassungslos. Wie konnte so plötzlich in unserem Alter eine so schwere Erkrankung auftreten? Wie konnte es sein, dass ein guter Freund, nur etwas älter als ich, nun lebensbedrohlich erkrankt war und die Möglichkeit des Sterbens nicht mehr nur in weiter Ferne, sondern nahe gerückt war? Es war eine Konfrontation mit Leiden, der Endlichkeit des Lebens, mit Tod – dabei hatte ich doch gerade erst eine kleine Tochter geboren und war noch berührt von dem Wunder des Lebens. Die Parallelität dieser Einschnitte schien für mich zuerst gar nicht begreiflich. Alles was zum Leben gehört, der Anfang, die Geburt, viele Freuden, aber auch Leiden und Endlichkeit waren spürbar im Raum.
Es traten in dem Moment Ängste bei mir auf, dass so etwas Unvorhersehbares, Bedrohliches auch meiner Familie und mir passieren könnte. Es bedeutete jedoch auch ein Innehalten und ich spürte ich auch eine große Dankbarkeit gegenüber der Gesundheit meiner kleinen Tochter, meiner Familie und meiner eigenen. Es zeigte mir, dies nicht als selbstverständlich zu nehmen, sich daran zu erfreuen und andere kleine Sorgen relativierten sich. So konnte ich wieder den Boden unter den Füßen spüren und schöpfte auch Hoffnung und Zuversicht. Unterstützend war dabei die Erfahrung, dass eine gute gemeinsame Freundin von uns, wir trafen uns regelmäßig zu dritt, vor vielen Jahren, als wir uns alle noch nicht kannten, ebenso an Darmkrebs erkrankt war und diesen überwunden hatte. Dies machte Hoffnung und Zuversicht.

Gefühlswirrwarr und Unterstützung

In der Intensität meiner Gefühle und meiner Sorgen konnte ich deutlich die Bedeutung dieser Freundschaft und eine tiefe Verbundenheit diesem Freund gegenüber spüren. Es beschäftigte mich in dem Gefühlswirrwarr zugleich sehr, wie ich ihn gut unterstützen könnte. Mit der gemeinsamen Freundin besuchte ich ihn direkt nach der Diagnose, selbst noch erschüttert und verunsichert, aber er sollte mit dem Schock nicht allein sein und ich empfand zumindest unsere Freundschaft als stützend. Dabei wirkte er recht gefasst. In den Tagen danach, als er ins Krankenhaus kam und die erste Operation anstand, spürte ich auch deutlich meine Unsicherheit im Umgang mit dieser Erkrankung, mit ihm, ein “Nicht-Wissen”, was kommen würde, Ängste, ihn leidend zu sehen, auch Hoffnungen, aber zeitweilig auch Gefühle der Hilflosigkeit. Dazu war ich emotional zu dem Zeitpunkt mit den Veränderungen meines Mutterseins beschäftigt, stark eingebunden in der Versorgung und Betreuung meines Babys und meiner 7jährigen Stieftochter, was mit vielen Freuden, neuen Herausforderungen und zeitlichen Einschränkungen verbunden war.
Ich wollte ihm in dieser Zeit viel Unterstützung anbieten, aber es erschien mir auch wie ein Balanceakt in meinem damaligen Leben. Dennoch versuchte ich während der zwei Krankenhausaufenthalte, ihn regelmäßig in der Uni-Klinik zu besuchen oder ansonsten telefonisch mit ihm Kontakt zu halten. Dabei schaute ich zum einen, wie sein Befinden und Bedürfnis nach Besuch war, und zum anderen schaute ich, wie es auch für mich als Mutter eines kleinen Babys mit vielen Bedürfnissen ging. So besuchte ich ihn zu Zeiten, wenn es auch für mich und meine Tochter gut ging, sie dabei schlief, so dass meine Aufmerksamkeit dann auch bei ihm sein konnte.

Aufgeregt, unsicher und besorgt

Bei den Besuchen in der Uni-Klinik fühlte ich mich in der ersten Zeit sehr befangen (beklommen), was an dem riesigen und doch auch sehr anonymen Komplex lag, wo man an allen Ecken mit Erkrankungen konfrontiert ist. Des Weiteren war ich gerade anfangs vor den Besuchen aufgeregt, unsicher und besorgt, wie es ihm gehen würde, was ich für ihn tun könnte nach einer schweren Operation.

Die Besuche haben mich sehr berührt, manchmal auch aufgewühlt und doch war ich immer wieder über jeden einzelnen Kontakt zu ihm froh. Manchmal war ich danach beruhigt, wenn es ihm gut ging, dann wieder beunruhigt, wenn er schlecht aussah, Schmerzen hatte. Dennoch war es gut, auch in diesen Phasen ihn zu begleiten. Meine eigenen Sorgen, Ängste, auch meine „Mütterthemen“ habe ich in der Zeit ihm gegenüber eher zurückgehalten. Es war mir wichtig, mit ihm da sein zu können, dass er schauen konnte, was er von sich mitteilen wollte, ihm Mut zu machen, aber auch offen für Sorgen und Ängste zu sein.

Auf die eigenen Kräfte achten

Rückblickend kann ich sagen, dass es aber auch wichtig ist, Ansprechpartner für die eigene Erschütterung, Ängste etc. zu haben und auf sich selbst und seine eigene Verfassung und die eigenen Kräfte gut zu achten, um dann auch gut für den anderen da sein zu können. Mir selbst hat in dieser Zeit geholfen, mich mit unserer gemeinsamen Freundin darüber austauschen und mich ihr mitteilen zu können, sowie auch meiner Familie und engen Freunden von meinen Gefühlen erzählen zu können (Mutterglück, Ängste etc.).
Nach der anfänglichen Erschütterung hat auch die Zuversicht für mich eine stützende Rolle gespielt. Hierbei weiß ich nicht, ob es an der oft auch gefassten Art meines Freundes lag und nach den Operationen und dem Krankheits- verlauf an der Hoffnung, dass es wie auch bei unserer Freundin und anderen Patienten gute Chancen gibt oder auch an meinem „Schutz“ als junge Mutter, an das Leben zu glauben. Letztlich war für mich in dieser Zeit besonders auch die Erfahrung des „Mutterseins“ sehr präsent und stützend und ein besonderer Ausgleich und dies auch neben der Krankheitserfahrung genießen zu können/dürfen.

In der Rückerinnerung kommen doch einige Gefühle und Gedanken aus der damaligen Zeit wieder hoch, die mir vielleicht gar nicht immer so bewusst waren. Ich bin sehr froh und dankbar, dass er die Operationen gut über- standen hat und seitdem frei von Metastasen ist. Seine Erkrankung ist bei mir im Laufe der Zeit, je weniger sie Thema oder spürbar war, immer mehr in den Hintergrund getreten und taucht nur dann wieder auf, wenn er sie zum Beispiel aufgrund von anstehenden Untersuchungen oder Ähnlichem wieder einbringt. Wir sind beide noch offener im Kontakt geworden und unsere Freundschaft hat sich durch diese Erfahrung weiter vertieft. Ich bin froh, dass meine eigenen Ängste und Unsicherheiten mich nicht abgehalten haben, gerade in dieser Zeit, den Kontakt zu ihm zu suchen. Als Unterstützung braucht es im Wesentlichen, den Kontakt zu dem- oder derjenigen zu halten, dass er/sie mit allem da sein darf und nicht alleine mit dieser Erfahrung ist.