Psychoonkologische Beratung
Aufgrund meines eigenen beruflichen Hintergrundes ist Psychotherapie für mich keine Sache, die man nur in extremen psychischen Notsituationen in Anspruch nimmt. Meiner Meinung nach kann man sie ebenso gut jederzeit für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nutzen, auch ohne dass man sich bereits in einem starken Leidenszustand befindet. Die Bereiche von Therapie, Beratung und Coaching gehen hier vielleicht fließend ineinander über. Auf jeden Fall hatte ich durch diese Sichtweise keine Hemmungen davor, nach meiner Krebsdiagnose auf psychologische Hilfe zurückzugreifen. Es war für mich vielmehr eine Art Selbstverständlichkeit, zumal so eine Erkrankung schnell in eine psychische Notsituation münden kann. Bei der Suche nach einem geeigneten Therapeuten war es mir vor allem wichtig, dass sich sein Ansatz gut mit meiner eigenen psychotherapeutischen Ausbildung vertrug, aber auch, dass die Behandlung von der Krankenkasse bezahlt wurde, da ich auf unabsehbare Zeit ohne eigenes Einkommen war.
Die Frage nach der eigenen Krankheitsverursachung
In gewisser Weise war mein psychologisches Fachwissen jedoch Fluch und Segen zugleich. Segen aufgrund der niedrigen Zugangsschwelle zur Psychotherapie, Fluch, weil ich Angst vor meinen eigenen unbewussten Dynamiken hatte. Ich war zum Beispiel sehr über meine emotionale Taubheit verunsichert, die ich nach der Diagnose verspürte. Zwar blieb ich auf diese Weise gut handlungsfähig, aber von meinen Vorstellungen her hätte ich in so einer Situation psychisch wesentlich angeschlagener sein müssen. Ich befürchtete, meine eigentlichen Emotionen unbewusst zu unterdrücken und dadurch meinem Körper einen Stress auszusetzen, der letztlich meine Heilungschancen beeinträchtigen könnte. Außerdem fragte ich mich, ob ich durch meine bisherige Lebensgestaltung die Krebsentstehung eventuell mit begünstigt hatte. Damit meine ich weniger den Umgang mit dem eigenen Körper, der nicht außergewöhnlich ungesund war, sondern vielmehr die Art und Weise, wie ich Aufgaben, Pläne, Arbeit, Beziehungen etc. bis dahin angegangen war. Der Psychologe in mir forderte mich sozusagen dazu auf, die Krankheit auch zum Anlass für ein Überdenken meines bisherigen Lebens zu nehmen. Zeitweise setzte ich mich damit sogar unangenehm unter Druck. Dieser Druck war daher ebenfalls ein Grund dafür, weshalb ich zum Psychotherapeuten ging. Die Therapie wiederum half mir dabei, die damit verbundenen unterschwelligen Schuldgefühle für die Krankheitsentstehung sich nicht weiter ausbreiten zu lassen und auch die (angeblich) fehlende Emotionalität nicht überzubewerten. Der Druck, den ich mir machte, wurde zeitweise selbst zum behandelten Therapiethema und verlor dadurch an Kraft.
Das Vertrauen in die körperliche Unversehrtheit war verloren gegangen
Neben einigen Fragen, die eher indirekt mit der Erkrankung zu tun hatten, unterstützte mich die Psychotherapie auch darin, den erlittenen Vertrauensverlust in die eigene Gesundheit besser zu bewältigen. Der Krebs hatte mir unweigerlich vor Augen geführt, dass ich körperlich nun längst nicht mehr so intakt war, wie ich es mir stets vorgestellt hatte. Diese Erschütterung des Glaubens an die eigene Unversehrtheit war die vielleicht schwierigste Erfahrung, die ich im Zusammenhang mit der Erkrankung machen musste. Jede auftretende körperliche Unstimmigkeit, auch wenn sie noch so gering ausfiel und ich sie vorher womöglich noch nicht einmal wahrgenommen hätte, beunruhigte mich nun. Außerdem hatte ich als Folge der Operationen noch eine längere Zeit mit Komplikationen zu tun, wodurch der Vertrauensverlust zusätzlich verstärkt wurde. Für mich war es sehr hilfreich, diese Problematik in der Psychotherapie zu bearbeiten. Einerseits wurde meine Hypersensibilität dort immer wieder aufgefangen und andererseits lernte ich, meinen geschwächten Körper besser anzunehmen. Ich gehe seitdem behutsamer mit mir um, schätze meine Leistungsfähigkeit realistischer ein und versuche, weniger einem unangemessenen Ehrgeiz zu verfallen.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod
Die Angst vor dem Tod beziehungsweise die Angst vor dem Sterben spielte bei meiner psychischen Belastung durch den Krebs ebenfalls eine große Rolle, selbst wenn das nicht immer offensichtlich war. Meine eigene Endlichkeit, die vorher noch in weiter Ferne lag, stand mit einem Mal direkt vor mir. Zwar war die unmittelbare Gefahr zunächst gebannt, aber von nun an konnte und wollte ich dem Thema nicht mehr aus dem Weg gehen. Deshalb fand ich es sehr wichtig, mich einmal näher mit dem Tod zu auseinanderzusetzen, was wesentlich besser geht, wenn man dabei nicht alleine ist und der andere wenig Scheu diesbezüglich hat. Ich machte die tröstliche Erfahrung, dass der Tod etwas von seinem Schrecken verlor, wenn ich mich ihm gegenüber öffnete. Es kann sehr versöhnlich wirken, ihn in das Leben mit einzubeziehen. Ich wünsche mir, dass ich von diesen gewonnenen Erkenntnissen auch dann profitieren kann, wenn ich wirklich sterben muss.