Zurück zur Startseite
Schrift normal Schrift groß
Seite durchsuchen Seite drucken

Nachsorge

Eine Rückkehr in den Alltag, wie er vorher war, gab es für mich nicht. „Den Alltag“ gibt es nicht mehr. Dabei wünschte ich den Alltag anfangs so sehr: Kind zum Kindergarten bringen, Freizeit verbringen und beruflich wieder einsteigen. Ich wollte wieder ins „normale Leben“ zurückkehren. Das konnte und kann ich bis heute nicht.
Der Tag wurde anfänglich noch durch häufige Krankenhausaufenthalte unterbrochen und einige Komplikationen mussten bewältigt werden. Meine persönliche und berufliche Situation hatte sich erheblich geändert. Ein Umzug kam hinzu und das soziale Umfeld musste ich neu aufbauen. Dies barg allerdings auch eine neue Chance, die Krankheit hinter mir zu lassen und neu zu beginnen. Als ich damals mein Nachsorgeheft bekam, sah ich, dass mindestens 20 Nachsorgetermine vorgesehen waren. Der letzte Termin erschien mir in so unerreichbarer Ferne. Ich wünschte mir so sehr, bereits diesen 20. Termin wahrnehmen zu können. Statt Alltag gibt es für mich ein „danach“. So funktioniert auch meine ganz persönliche Zeitrechnung: „vor“ und „nach“ der Diagnose.

Die Nachsorgetermine bestimmen meine Zeitplanung

Die Nachsorgetermine, die ich ausnahmslos in Anspruch nehme, bestimmen meine Jahresplanung. Urlaube plane ich generell nach diesen Terminen. Und auch andere wichtige private Ereignisse möchte ich immer nach den Nachsorgeterminen erleben. Die Unruhe und die Anspannung vor diesen Terminen sind immer noch zu groß. Es befällt mich regelmäßig eine große Unsicherheit. Ich weiß vorher nie, wie es hinterher weitergeht.
Die Termine sind mir allerdings sehr wichtig und beruhigen mich. Wenn die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass alles in Ordnung ist, fühle ich mich für einige Zeit gut und sicher. Ich weiß, dass diese Untersuchungen keine Garantie gegen etwaige Rezidive oder Neuerkrankungen sind. Sie dienen jedoch dazu, dass möglicherweise die Diagnose früh gestellt werden kann, was die Behandlung in jedem Fall positiv beeinflusst. Wenn nicht, dann müsste alles neu organisiert werden. Die gesamte Familie inklusive Eltern und Geschwister müssten sich auf die neue Situation einstellen. Die Betreuung meiner kleinen Tochter müsste organisiert werden. Ein Szenario, das ich persönlich als größtmögliche Belastung empfinden würde.

Es fällt mir schwer zu sagen‚ dass ich gesund bin

Die Angst, neu zu erkranken, ist omnipräsent. Ich ertappe mich dabei, die Jahre zu summieren, die ich ohne Tumorerkrankung bin. Seither nehme ich meinen Körper intensiver wahr. Die statistische Information, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs mit den krankheitsfreien Jahren abnimmt, möchte ich nur zu gerne für mich wahrhaben. Trotzdem interpretiere ich viel zu häufig in Richtung Tumor. Die Angst vor einer Neuerkrankung versuche ich seit Jahren mithilfe einer Psychologin zu überwinden. Teilweise ist es mir auch gelungen. Hinzu kommen krankheitsfreie Zeiten, in denen ich neue Hoffnung schöpfe und zu einem gesunden Selbstverständnis und Selbstbewusstsein gelangen kann. Der Gedanke an eine Neuerkrankung ist sehr belastend, obwohl ich diesmal zumindest wüsste, was auf mich zukommt. Die Möglichkeiten der Behandlung zu kennen, eröffnet gleichzeitig neue Chancen im Umgang mit der Krankheit.

Die erlebte Krankheit mit all ihren Facetten hat mein Leben verändert. Die Lebensplanung ist eine andere geworden. Prioritäten haben sich erheblich verschoben. Die Folgeerkrankungen muss ich akzeptieren und damit umgehen. So fällt es mir schwer zu sagen: „Ich bin gesund!“. Diese Aussage variiere ich in den Wortlaut „ich bin beschwerdefrei“ und bin jeden Tag dankbar, alles so gut überstanden zu haben.