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Therapiebeginn

Natürlich hatte ich Angst vor der Operation. Vor allem aber davor, dass ich vielleicht nicht mehr aufwachen würde. Ich schwebte zwischen Bangen und Hoffen. Mir gingen tausend Fragen durch den Kopf: Wache ich mit einem künstlichen Ausgang auf, können die Ärzte alles wieder „in Ordnung“ bringen, ist mit der OP alles erledigt, wie geht mein Leben überhaupt weiter????

Mir persönlich haben zwei Dinge sehr geholfen: Ich bin als Kind bereits durch meine Oma an den christlichen Glauben herangeführt worden, stehe der Kirche jedoch eher skeptisch gegenüber. An Gott zu glauben, hat für mich nichts damit zu tun, wie oft oder ob ich überhaupt in die Kirche gehe. Jedenfalls habe ich lange, ernste Gespräche mit Gott geführt und war am Ende soweit, dass ich sagen konnte: Egal, wie das alles ausgeht, es ist so o.k. Wenn ich überlebe, wird es immer einen Weg geben, und wenn ich sterbe, geht die Welt auch nicht unter. Hier hatte ich den großen Vorteil, dass ich keine Kinder habe. Ich wusste, ich lasse nur Menschen zurück, die auch ohne mich auskommen können, und so musste ich mir wenigstens um niemanden Sorgen machen.
Die zweite große Hilfe war mein Partner, der wirklich immer da war. Ohne große Worte wusste ich jederzeit, dass ich mich fallenlassen kann und er bei mir ist.

Das alles heißt aber nicht, dass man sich gehenlassen darf! Bei jedem Blick in den Spiegel hab ich mir gesagt: So schnell stirbt man nicht und so sieht man auch nicht aus, wenn man stirbt – also kämpfe und lebe!!!

Aber in den OP-Saal musste ich dann doch alleine …

Die Operation ist gut verlaufen und als ich im Aufwachzimmer zu mir kam, habe ich als erstes meinen Partner gesehen, was mich sehr gefreut und mir Kraft gegeben hat. Das zweite, man kann es kaum glauben: Es lief ein Fernseher, in dem der Mainzer Rosenmontagszug übertragen wurde. Den hätte ich zu dem Zeitpunkt nicht unbedingt gebraucht, aber dadurch war in dem Zimmer irgendwie eine entspannte Atmosphäre. Es wurde gelacht und der ein oder andere Spaß gemacht. Ich hab das alles natürlich nur im Schwebezustand mitbekommen.
Am nächsten Tag wurde ich auf die Station verlegt. Ich hatte Glück und es wurde gerade eine neue Schmerztherapie getestet. Es gab einen Knopf, mit dem ich mir meine Schmerzmittel selbst dosieren konnte. Mir wurde diese Apparatur vom Arzt erklärt und ich habe regen Gebrauch davon gemacht.

Nach drei Tagen sollte ich meinen ersten Joghurt bekommen. Nun ja, besser als nix. Habe mich dann auch wirklich darauf gefreut und ihn genossen. Leider haben die Ärzte dann festgestellt, dass mein Darm nicht mehr arbeiten will. Er war sozusagen im Ruhezustand und wollte den Nahrungsbrei nicht mehr transportieren. Nun war es natürlich auch mit dem Joghurt wieder aus. Ich wurde künstlich ernährt und musste mit meinem „Christbaum“ (Ständer mit den verschiedenen Infusionsflaschen) so viel wie möglich auf dem Gang laufen. Zusätzlich gab es ein Mittel, das den Darm wieder in Schwung bringen sollte. Hat sich alles etwas herausgezogen. Leider musste ich wegen diverser anderer Komplikationen dann insgesamt über drei Wochen im Krankenhaus verbringen. Das hat mich doch genervt. Wer ist schon gern im Krankenhaus. Zu Hause ist eben zu Hause.

Was ich sehr gut fand: Vom Krankenhaus wurde psychologische Betreuung angeboten. Der Pfarrer kam und hat sich erkundigt, ob man Hilfe braucht und der Antrag auf Schwerbehinderung wurde auf den Weg gebracht. Da hätte ich im Traum nicht dran gedacht. Schwerbehindert? Ich doch nicht! Aber später war ich manches Mal froh, dass ich den Status hatte. Also – keine falsche Scham!